Ordnung als gemeinsamer Boden — wenn Ethik allein nicht trägt
Gestern erzählte mir ein befreundeter Anwalt, dass er das KI-System eines großen Rechtsverlags jetzt für seine Recherchen nutzt. Als ich anmerkte, dass er als Betreiber unter den EU AI Act fallen könnte, kamen zwei Antworten: erstens seien sie zu klein, und zweitens nutze er das System ja nur alleine.
Ich habe diesen Satz länger mit mir getragen, weil er mehr zeigt als eine Einschätzung zur Rechtspflicht. Er zeigt, wie Regulierung heute behandelt wird. Sie gilt zunehmend als Bestrafungsinstrument, von dem man sich durch die Ausnahme fernhält, und nicht mehr als Ordnungsrahmen, der Verantwortung und Vertrauen erst schafft.
Das ist kein Vorwurf an meinen Freund. Es ist eine Beobachtung über eine gesellschaftliche Haltung, die sich festigt. Wir kritisieren Überregulierung zu Recht, aber dabei haben wir angefangen, den Wert von Ordnung als solcher zu entwerten. Ordnung ist nicht Kontrolle, sondern der gemeinsame Boden, auf dem Zusammenarbeit, Haftung und Vertrauen erst entstehen können.
Wenn selbst Juristinnen und Juristen, die täglich mit Rechtsrahmen arbeiten, als ersten Impuls die eigene Ausnahme suchen, deutet das auf eine Erosion hin, die kein weiteres Gesetz lösen kann. Dann wird Ethik zur einzigen Orientierung, und das ist zu viel von ihr verlangt, solange kein gemeinsamer Rahmen besteht.
Wie ordnen Sie das bei sich ein? Gibt es in Ihrem Unternehmen bereits eine gemeinsame Grundregel für den KI-Einsatz?
Governance-Berater & KI-Stratege

